Förderverein zur Erhaltung der Dorfkirche Landin e.V.

Geschichten aus Landin  -  Teil 4  (2020)

Hier werden nach und nach Anekdoten aus dem Dorfleben, Geschichten aus früheren Tagen und Erlebnisberichte von Bewohnern und Freunden von Landin veröffentlicht.

Wenn Sie eine eigene Geschichte beisteuern wollen, melden Sie sich bitte beim Förderverein. Wir freuen uns über neue Beiträge!


 

Pastor Karl Domsch (* 05.01.1911 - † 10.01.1992)

Pastor Karl Domsch war am 05.01.1911 in Tauer, Kreis Cottbus geboren. Sein Vater Friedrich Domsch lebte mit seiner Frau Anna Domsch, geborenen Paul, in einem kleinen Haus und bewirtschaftete als Bauer 50 Morgen Acker. Man nannte diese kleinen Bauern Büdner. Ein Morgen entsprach ¼ Hektar. Seine Eltern wohnten im Spreewald und sprachen Wendisch (Sorbisch). Erst als er eingeschult wurde, musste er Deutsch lernen. Karl Domsch wurde am 05.02.1911 in der Dorfkirche in Tauer getauft. Er besuchte die Dorfschule bis zur 8. Klasse und arbeitete dann zwei Jahre in der kleinen Landwirtschaft seines Vaters. Von 1927 – 1930 erlernte er bei der Firma Julius Erling das Maurerhandwerk und arbeitete von 1930 - 1934 als Maurer. Von 1934 an war er Soldat und musste nach Russland in den Krieg, wo er 1945 in russische Kriegsgefangenschaft geriet, aus der er erst 1949 entlassen wurde. Er hatte am 03.12.1939 Martha Bechtholdt geheiratet. Dem Ehepaar wurden vier Kinder geschenkt. Am 07.09.1940 Siegfried, am 24,12,1941 Christa, am 06.08.1944 Eva und am 18.01.1952 Karl-Heinz. Karl Domsch arbeitete nach der Entlassung aus der russischen Kriegsgefangenschaft als Katechet (Religionslehrer) in Tauer im Kirchenkreis Cottbus und später in Liepe im Kirchenkreis Rathenow. Da er diese Aufgabe über alles liebte, weigerte er sich 1953 den väterlichen Hof zu übernehmen. Der Vater war darüber so erbost, dass er seinen Sohn enterbte. 1956 schreibt er in seiner Biografie: Gottes Heiliger Geist führte mich durch sein Wort zum Sündenbekenntnis und zur Heilsgewissheit und beruft sich dabei auf das Kapitel 53 im Alten Testament bei Jesaja.

In der DDR (kommunistische Osthälfte von Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg) hatten die Kommunisten den Atheismus zur Staatsdoktrin erklärt und die Regierung versuchte, die Menschen von jeglichem christlichen Glauben abzubringen, denn Karl Marx hatte gesagt. „Religion ist Opium für das Volk.“ Die Kommunisten wussten natürlich, dass auch engagierte Christen bei den Nazis mit ihnen in den Konzentrationslagern gesessen hatten und wie Dietrich Bonhoeffer und viele andere ermordet wurden. Und so traute man sich nicht, das Christentum in Gänze zu verbieten, aber bei Lehrern und Staatsdienern wurde schon Wert auf eine atheistische Gesinnung gelegt. Die Kirchen hatte es schwer, Menschen für den Beruf des Pfarrers oder Priesters zu gewinnen und so war man auf die Idee gekommen, eine eigene christliche Hochschule ins Leben zu rufen, wo praktische jeder die Ausbildung zum Theologen durchlaufen konnte. An den staatlichen Universitäten gab es natürlich auch theologische Fakultäten. Die führten aber oft dazu, dass die Studenten doch vom Glauben abgebracht wurden, denn sie mussten wie alle Studenten im Nebenfach Marxismus-Leninismus studieren. In Berlin gab es von 1946 -1999 das „Paulinum“, wo über den Zweiten Bildungsweg Pfarrer und Prediger ausgebildet wurden. Zunächst waren drei Jahre und später vier Jahre für die Ausbildung vorgesehen. Man brauchte dazu kein Abitur, sondern nur eine abgeschlossene Berufsausbildung. Zunächst war die Ausbildung für Kriegsrückkehrer gedacht. Sie entwickelte sich aber immer mehr zu einer Möglichkeit der Kirche, ihre Mitarbeiter im Osten Deutschlands selbst auszubilden. Bis auf die alten Sprachen Griechisch, Hebräisch und Latein wurde die Ausbildung nach und nach an die theologische Hochschulausbildung angepasst.

Pfarrhaus in Stechow
 
 

Dorfkirche Stechow

Karl Domsch war ein leidenschaftlicher evangelischer Christ. Es brauchte nicht viel Überredung, um ihn dazu zu bewegen, am „Paulinum“ vom 01.10.1956 -31.03.1960 eine Ausbildung als Pfarrer aufzunehmen und erfolgreich abzuschließen. Der Generalsuperintendent der Kurmark in Potsdam, Walter Braun, hat in einem Brief vom 02.11.1956 nach einer Generalkirchenvisitation im Kirchenkreis Rathenow die Befürchtung geäußert, dass Karl Domsch die Prüfung zum Prediger am Paulinum nicht bestehen würde, während der Superintendent des Kirchenkreises Johannes Reichmuth da kein Zweifel hatte. Karl Domsch bestand die 1. Predigerprüfung am 14.03.1959 und auch die 2. Predigerprüfung am 13.03.1960. Auch den Probedienst absolvierte er von 01.04.1960 - 31.05.1961 erfolgreich. Die Beurteilung des Predigerseminars meinte aber einschränkend: „In der Arbeit ist er willig und beständig, aber mehr fleißig als begabt; in der Beherrschung der deutschen Sprache zeigen sich mitunter bei ihm Mängel, die damit zusammenhängen, dass er im sorbischen Sprachgebiet aufgewachsen ist.“ Der Gemeindekirchenrat von Stechow hatte am 19.10.1960 einstimmig und der Gemeindekirchenrat von Ferchesar am 21.10.1960 dafür votiert, Pfarrer Karl Domsch als Pastor anzustellen, denn sie hatten gerade eine freie Stelle.
Und so kam er denn mit seiner Familie nach Stechow und wohnte im Pfarrhaus mit dem großen Garten gegenüber der Dorfkirche von Stechow. Zu seiner Gemeinde gehörten Stechow, Ferchesar, und zeitweilig auch Semlin, Kriele und Landin.

Er war etwas verwachsen und seine Zähne waren so schrecklich schief gewesen, dass der Zahnarzt große Mühe hatte, ihm ein einigermaßen vernünftiges und ansehnliches Gebiss zu bauen. Er konnte auch nicht singen und begleitete die Gemeinde bei den Kirchenliedern im Gottesdienst mangels eines Organisten auf der Flöte. Der Evangelische Kirchenkreis Rathenow hatte immer Mangel an Theologen und war froh, als Karl Domsch sich um eine Stelle bewarb. Er bekam die Pfarrstelle in Stechow mit allen umliegenden Dörfern, wozu auch Landin gehörte. Als Wilhelm und Marie Brunow am 20.05.1970 ihre Goldene Hochzeit in Stechow feierten, segnete er sie noch einmal in der Stechower Dorfkirche und sprach ihnen ihren Trauspruch zu: “Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal; haltet an am Gebet!“ (Brief des Paulus an die Römer 12,12).

Goldene Hochzeit von Erika und Willi Brunow 20.05.1970
Pastor Karl Domsch mit dem Goldenen Paar vor der Stechower Kirche
 
 

Urkunde zur Goldenen Hochzeit - Stechow, den 20.05.1970

Für die Goldene Hochzeitstrauung wurde eine Urkunde ausgestellt, wie das in Preußen so üblich ist. Dem Ehepaar Brunow wurde in herzlichem Gedenken diese prachtvolle Urkunde überreicht und mit dem Siegel der Kirche zu Stechow versehen.

Aber er war wohl ein besserer Maurer als ein Theologe. Es gab an den Dorfkirchen immer viel zu reparieren und ehe er sich auf lange Verhandlungen mit den volkseignen Bauunternehmen einließ, griff er schnell selbst zur Kelle und mauerte was das Zeug hielt. Dafür bewunderten ihn auch die Menschen in den Gemeinden. Er predigte zu den Gottesdiensten, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen und sprach den Menschen Mut zu. Er versuchte immer auf die Menschen einzugehen und sich ihrer Probleme anzunehmen. Hertha Brunow aus Landin war sowohl Kirchenälteste in Landin als auch Mitglied in der Kreissynode des Kirchenkreises Rathenow und stellte in den Wintermonaten ihren Gastraum der „Gaststätte Muchow“ für die Gottesdienste in Landin zur Verfügung. Pfarrer Karl Domsch kam gern nach Landin, denn er wusste, Elfriede Müller aus Kriele fehlte nie in den Gottesdiensten und begleitete die Gemeinde beim Gesang auf dem Klavier. Hertha Brunow ließ an den Pfarrern kein gutes Haar. Es gab immer etwas zu kritisieren. Mal war die Auslegung der Bibeltexte nicht nach ihrem Eindruck gelungen, mal war die Predigt zu lang und manchmal warf sie den Pfarrern vor, völlig falsche Predigten besonders bei den Beerdigungen gehalten zu haben. Nur bei Pfarrer Karl Domsch machte sie eine Ausnahme, denn Pfarrer Karl Domsch schmeichelte ihr bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. „Ach Fräulein Brunow, das haben Sie aber wieder schön gemacht. Vielen Dank, Fräulein Brunow, dass Sie alle eingeladen haben. Ich unterstütze ihren Antrag auf der Kreissynode und so weiter.“ Man war sich einig gegen die atheistische Regierung und auch einig bei der Kritik an der Leitung des Kirchenkreises Rathenow.

Zwischen Karl Domsch und dem Pfarrer Hartmut Grünbaum, als Chef des Kirchenkreises Rathenow, gab es heftige briefliche Auseinandersetzung. Die Landeskirche Berlin-Brandenburg gab ja eine Ordnung für die evangelischen Kirchengemeinden heraus und forderte natürlich, dass man sich daranhielt. Pastor Karl Domsch hielt die Ordnung der Landeskirche auch für wichtig, nahm es aber nicht so genau damit, sodass Pfarrer Hartmut Grünbaum ihn schriftlich aufforderte, das Wort Gottes zu verkünden und nicht den ganzen Tag zu mauern. Er schrieb an den Pfarrer Grünbaum:“ Es steht geschrieben im Brief des Paulus an die Thessalonicher (1,4) : „Arbeitet mit euren eigenen Händen, wie wir euch geboten haben.“ Dann schrieb der Pfarrer Grünbaum zurück, ja, aber es steht auch in der Offenbarung des Johannes (2,2): “Ich weiß deine Arbeit.“ Und dann schrieb der Pfarrer Karl Domsch wieder mit einem Bibelwort zurück. Es war eine endlose Geschichte. Wie damals Martin Luther vor dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, wollte Pfarrer Karl Domsch nichts anerkennen, was nicht durch die Worte der Bibel gedeckt war. Und so gab die Kirchenleitung schließlich entnervt auf und ließ ihn mauern.

Als er das Rentenalter erreicht hatte, zog er mit seiner Frau 1976 nach Gelsenkirchen-Buer und genoss den Wohlstand des Westens. Er war wohl sieben Mal in Israel und kehrte immer wieder mit neuen Glaubenseindrücken aus dem Heiligen Land zurück. Er lud auch Hertha Brunow aus Landin mehrmals ein, ihn in Gelsenkichen-Buer zu besuchen und verwöhnte sie bei ihrem Kommen mit ausgesuchter Gastfreundschaft. Er blieb seinen alten Gemeinden herzlich verbunden, auch wenn er nie mehr wirklich in die DDR zurückwollte. Pfarrer Karl Domsch hielt auch so Kontakt mit seiner Gemeinde uns schickte regelmäßig Urlaubskarten an seine Schäfchen.

 

Pfarrer Karl Domsch fühlte sich in Gelsenkirchen-Buer wohl und lebte mit seiner Frau Martha in enger Verbundenheit mit seinen alten Gemeinden, aber er nutzte auch den Wohlstand und die Freiheit im reichen westlichen Teil Deutschlands, um viel zu reisen und die Welt anzuschauen, die ihm in der DDR verschlossen war. Getreu dem alten Volkslied „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt“ , besuchte er nun die Stätten seiner Sehnsucht und immer wieder flog er nach Israel, wo er sich Gott ganz nahe fühlte. Am 10.01.1992 starb er in Gelsenkirchen-Buer, beweint und betrauert von seiner Frau, den Kindern und vielen Menschen in Ost und West.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.06.2020


 

Zwei Simson-Mopeds aus Landin erobern die Welt

Alte Brücke in Mostar (Bosnien und Herzegowina)
 
 

Thomas Müller fährt ein BMW-Motorrad und hat mit seiner Frau schon viele lange Motorradtouren unternommen. Als er nach Landin kam, lernte er Guido Gregor kennen, der immer so von seinem Simson-Moped schwärmte. Devin Müller, der Sohn von Thomas Müller, ist technisch begabt und wollte unbedingt alles über Motoren lernen. Da sagte Guido Gregor: „Na der kann doch mal mein altes Simson-Moped auseinanderbauen. Ich muss das sowieso mal durchkucken und da kann er gleich was lernen.“ Devin Müller ist Maschinenbauingenieur und sagte zu seinem Vater: „Ich muss mal was Praktisches machen.“ Der Motor der alten Sim war kaputt und so schraubte Devin Müller am Heiligen Osterfest 2019 alles auseinander. Der Vater und Guido Gregor halfen etwas mit. Und so wurde jedes Teil gesäubert und Devin Müller setzte alles wieder ordentlich zusammen. Und siehe da, welch Wunder. Die alte „Sim“ schnurrte wieder wie ein Bienchen.

Thomas Müller war von diesem Moped begeistert. Diese Einfachheit der Konstruktion, und es fuhr trotzdem. Und man kann alles selbst reparieren. Nun fragten die drei im Dorf herum: “Hat nicht jemand noch Ersatzteile von einem alten Simson-Moped?“ In der DDR mit ihrer Mangelwirtschaft war derjenige König, der immer Ersatzteile auf Lager hatte, weil die auch als Mangelware galten und nicht immer zur Hand waren, wenn man sie brauchte. Michael Gnad sagte, ich habe oben in der Scheune noch Teile liegen. Da könnt ihr mal nachkucken. Guido Gregor und Thomas Müller bauten aus den Ersatzteilen ein neues Simson-Moped zusammen. Alle Teile wurden sandgestrahlt und grün lackiert und so hatten sie im Juli 2019 zwei Simson-Mopeds zur Verfügung.

Thomas Müller hatte mit seiner Frau schon weite Reisen mit seinem BMW-Motorrad gemacht und da kam ihm die Idee, man könnte doch mit den Simson-Mopeds auch mal eine weitere Tour machen. Guido Gregor war einverstanden und so machten sich die beiden Männer mit ihren Simson-Mopeds aus Landin am 10.09.2019 auf den Weg nach Berlin, wo sie den Autozug bestiegen und die ganze Nacht bis nach Wien durchfuhren. Von Wien ging es über Slowenien an die kroatische Küste. Sie fuhren die Küste entlang bis nach Split. Dann fuhren sie weiter durch Bosnien Herzegowina nach Mostar. Die Folgen des Krieges sind immer noch zu sehen. Es hat im letzten Krieg jeder jeden umgebracht. Nach diesem Leid wollten alle nur Frieden. In Mostar kann man sehen wie die russisch-orthodoxen Christen, die Katholiken, die Mohammedaner und die Juden friedlich zusammenleben. Sie besuchten auch ein Euthanasiemuseum. Dann fuhren die beiden durch Bosnien nach Banja Luka. Und dann ging es schon wieder zurück nach Landin.
Im Durchschnitt fuhren sie 35 km pro Stunde und es war herrlich die Landschaft zu genießen, denn bei dieser Geschwindigkeit hat man auch Zeit nach rechts und links zu schauen. Die Rücktour ging wieder über Wien, dann aber nach Prag und von dort zurück nach Deutschland. Thomas Müller und Guido Gregor benutzen auf der Rückfahrt keinen Reisezug. Sie fuhren die ganze Strecke mit ihren Simson-Mopeds. Es war grandios. Durch Whats-Apps und kleine Filmepisoden waren viele Bewohner von Landin immer informiert und so etwas schmiedet ein Dorf auch zusammen.

Am 21.09.2019 kamen die beiden Simson-Weltenbummler wieder glücklich in Landin an. In den 11 Tagen hatten sie mit ihren Simson-Mopeds 2300 km zurückgelegt. Das war schon eine Leistung.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.05.2020


 

Die Dorfschule von Landin

Schüler der Dorfschule Landin 1952
1. Reihe unten von links nach rechts: Erna Reiske, Edeltraud Wegner, Erika Haake,?, Erika Raab, Brigitte Mewes, Uwe Welak, Otto Bauer, Bernd Mewes, Arthur Nickel, Benno Ossenbühl, Helmut Fox, ?, Arthur Hammel
2. Reihe Mitte von links nach rechts: Else Gutknecht, Erika Brodehl, Elfriede Haake, Ingrid Mewes, Doris Lamprecht, Erika Hammel, Emmi Wenger, ?, Richard Kunze, Arthur Schill, Karl-Heinz Lüpke,?
3. Reihe oben von links nach rechts: Helga Nelde, Inge ?, ? ?, Hannelore Henke,, Irmgard Ossenbühl,?, Manfrd Rühle,?, Büttner,?
 
 

Das Liederbuch von 1906

Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) waren die Städte und Dörfer im Land Brandenburg überfüllt von Flüchtlingen aus dem Osten. Aus Ostpreußen, aus Westpreußen, aus Schlesien und aus dem Sudetenland kamen die Menschen mit ihren Kindern auch nach Landin und viele Menschen hatten schon eine Odyssee hinter sich, denn sie waren erst aus Rumänien nach Polen umgesiedelt worden und mussten dann nach dem Krieg noch einmal in den Westen fliehen. Auch in Landin gab es viele Familien, die hier endlich einen Neuanfang im Frieden versuchen wollten. Und es gab Armut, Hunger und Not unter den neu angekommenen Menschen und sie wurden auch etwas geringgeschätzt, denn oft hatten sie eine Sprache aus ihrer alten Heimat mitgebracht, die den Brandenburgern fremd war. Sie rollten das R oder waren noch dem Schwäbisch ihrer Vorfahren verhaftet, die vor ein paar Hundert Jahren nach Siebenbürgen oder nach Russland ausgewandert waren.
Aber alle Kinder mussten natürlich in die Schule. Da half nichts. Die Kinder aus Landin mussten zur Einschulung nach Kriele und wurden dort mit den Krieler Kindern in der ersten und zweiten Klasse gemeinsam unterrichtet. Die Landiner Dorfschule hatte einen Klassenraum, in dem die Kinder der Klassen 3 - 4 aus Kriele und Landin gemeinsam unterrichtet wurden. Es waren immer 20 - 30 Kinder, die in Landin zur Schule gingen. Das war für die Lehrerin Erika Brodehl schon eine große Kunst, denn sie musste Lesen, Schreiben und Rechnen üben, und so war jede Unterrichtsstunde in verschiedene Teilabschnitte untergliedert, wo die einzelnen Klassen mit Stillarbeit beschäftigt wurden und die andere Klasse aktiv unterrichtet wurde. Zum Beispiel musste die dritte Klasse still eine Geschichte aus dem Lesebuch lesen und sie dann aufschreiben oder abschreiben, während sie mit der vierten Klasse das Einmaleins von der Sieben übte. Es wurde auch noch Schönschrift unterrichtet und geübt und auch zensiert. Die erste Klasse in Kriele schrieb noch alles mit dem Griffel auf eine Schiefertafel. Auch Diktate wurden auf der Schiefertafel geschrieben und der Lehrer ging nach dem Diktat von Schüler zu Schüler und strich Fehler an und gab eine Zensur. Erst ab der zweiten Klasse gab es Schreibhefte und Bleistifte.
Sport und Singen konnte dann in beiden Klassen gemeinsam absolviert werden. Das ging gut. Zuerst waren auch keine Schulbücher vorhanden und so musste man auf alte Bücher zurückgreifen. Erika Brodehl hatte in ihrer Bibliothek noch ein altes Liederbuch für höhere Schulen von 1906 entdeckt und da wurden dann alle Lieder gesungen, die dort drinstanden.

„Das Wandern ist des Müllers Lust“, „Sah ein Knab‘ ein Röslein steh‘n“, “Der Mond ist aufgegangen“ und viele mehr, die die Kinder auswendig lernen mussten. Im Anhang des Buches fanden sich auch französische und englische Lieder wie „Le petit Pierre“ und „Jingle Bells.“ Es war ein munteres Völkchen, was sich jeden Vormittag in der Dorfschule einfand, aber es wurde auch viel gelacht.
Am ersten April versuchte man die Lehrerin in den April zu schicken und Sebastian Kowalke aus der dritten Klasse sagte zu ihr: „Der Bürgermeister bittet Sie sofort zu ihm zu kommen.“ Erika Brodehl roch natürlich den Braten und meinte: „Ich werde ihn nach dem Unterricht aufsuchen. So viel Zeit muss sein.“ Sie beauftragte aber Sebastian Kowalke zu Ingelore Babucke in den Konsum zu gehen und zu fragen, ob sie „Haumieblau“ hätte. Sebastian machte sich pflichteifrig auf den Weg in den Dorfkonsum. Unterwegs sagte er sich immerzu den Namen „Haumieblau“ auf, denn er wollte das seltsame Wort nicht vergessen. Er drängelte sich im Konsum vor und sagte nicht ohne Wichtigkeit zu Ingelore Babucke: „Die Lehrerin schickt mich, ich soll fragen, ob Sie „Haumieblau“ haben?“ Es gab ein großes Gelächter bei den Kunden und bei Frau Babucke. Sie sagte zu dem Sebastian: „Na komm mal her.“ Dann gab sie ihm einen Klapps auf den Hintern und schickte ihn wieder zurück in die Schule, wo ihn erneut eine lachende Kinderschar empfing, denn Erika Brodehl hatte alle Kinder inzwischen über den Aprilscherz aufgeklärt.

Alte Landiner Schule 2020

Ehemalige Schule 2020

Am letzten Schultag vor den Sommerferien wurden die Zeugnisse ausgegeben und eine Geschichte oder ein Märchen vorgelesen. Erika Brodehl hatte sich aber erkältet und war krank. So kam eine Ersatzlehrerin aus Rathenow und las in reinstem Sächsisch den Kindern „Das Märchen von der Plauen Plume“ vor. Ab 1950 war dann Emmi Schnelle für die Landiner Schule zuständig. Sie heiratete Heinz Wenger und nahm auch seinen Namen an. Emmi Wenger unterrichtete die Kinder aus Landin und Kriele bis 1954. Dann wurde die Schule in Landin geschlossen und alle Kinder mussten nach Kriele zur Schule gehen. Heute ist die Schule ein Wohnhaus.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.04.2020


 

Der Keiler von Landin

Wildschweine
Gemälde von Rudolf Herrenkind

1950 kam Rudolf Johannes Alexander Herrenkind mit russischen Offizieren aus Rathenow nach Landin. Sie wollten mit ihm Wildschweine jagen. Rudolf Herrenkind war ein Jäger aus Leidenschaft. Das hatte auch die Russen gehört und wollten mit diesem erfahrenen Jäger mal auf die Pirsch gehen. Die russischen Offiziere schenkten den zwei Mädchen der Herrenkinds Weißbrotstullen dick mit Butter beschmiert und jede Menge Würfelzucker. Das war für die Kinder ein unvergessliches Geschenk. Butter und Zucker waren nach dem Krieg Mangelware. Dann ging es mit Rudolf Herrenkind in den Wald.
Der erfahrene Jäger wusste natürlich, wo sich die Wildschweinrotte bei Tag versteckt hielt. Er fuhr mit den Russen in Richtung Friesack bis zu einem Tannendickicht, das in ein Sumpfgebiet führte, wo sich die Wildschweine gern in einer Suhle lagerten. Rudolf Herrenkind bemerkte einen Keiler in den Tannen und schoss. Zu den Russen sagte er, dass er nicht getroffen hätte. Die Russen schossen dann noch ein anderes Wildschwein und nahmen es mit. Bei den Herrenkinds wurde der Jagderfolg mit Wodka begossen. Die Russen waren glücklich.
Als sie spät nach Mitternacht wieder nach Rathenow zurückgefahren waren, weckte Rudolf Herrenkind seine Tochter Lilo, gab ihr einen Rucksack auf den Rücken und dann marschierten beide in den Wald. Rudolf Herrenkind hatte den Keiler sehr wohl getroffen und wusste auch genau die Stelle, wo er zu finden war. Er brach ihn auf und verbuddelte das Gekröse und die Schwarte im Wald. Die Fleischteile wurden in die zwei mitgebrachten Rucksäcke verpackt und für die Familie gab es danach tagelang ein richtiges Festessen, denn Charlotte Herrenkind war eine ausgezeichnete Köchin. Es gab Wildschweingulasch, Wildschweinbraten und Königsberger Klops aus Wildschweinfleisch. Sie würzte das Fleisch mit Salz und mit Kräutern aus ihrem großen Garten. Aber am meisten benutzte sie Lorbeerblätter. Fast alle Speisen bereitete sie mit Lorbeerblättern zu. Den Rest des Fleisches gab sie mit viel Salz in einen großen Steintopf. So hatten sie das ganze Jahr über Fleisch zu essen. Die Familie war stolz auf den Vater und Jäger. Das Wildern war ja verboten, und es drohten empfindliche Strafen für überführte Wilddiebe. Aber mit den Russen war das schon eine andere Sache und Rudolf Herrenkind hatte die Gelegenheit genutzt.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.03.2020
Nach Angaben von Lilo Wortha, geborene Herrenkind


 

Ankunft im Paradies

Thomas Müller und seine Frau in Landin

Als Thomas Müller mit seiner Frau dem geschäftigen Berlin entfliehen wollten, kamen sie am 09.03.2009 mit dem Auto die Bundesstraße Nr. 5 entlang und bogen vor Friesack nach Rathenow ab.
Dichte Wälder säumen die Straße rechts und links und manchmal fuhren sie wie durch einen dunklen Baumtunnel. Auch bei der Abfahrt nach Landin kamen sie noch durch eine kleine Allee, aber plötzlich öffnete sich die Welt. Es wurden Felder, Wiesen und Häuser sichtbar und ein erster Mensch winke ihnen freundlich zu. Er hatte eine Rastafarimütze auf und stand wohl für die Weltoffenheit dieses kleinen Dorfes.

Rastafarimütze mit den Farben von Jamaika

Mit diesem Landiner öffnete sich auch das Dorf für sie. Landin ist anders als viele Dörfer in Brandenburg. Die Häuser stehen nicht dicht an dicht. Es gibt ein lockeres Gebilde von einzelnen Häusern und dann kommt die Kurve und man sieht schon hinten auf dem Berg die Landiner Dorfkirche. Die Kirche steht, was in Brandenburg selten ist, auf einer Anhöhe.
Es war für beide Berliner ein sehr freundlicher Anblick. Und dieser Eindruck hat nicht getrogen. Auch bei den späteren Kontakten zu den Menschen in Landin fanden beide ein freundliches weltoffenes Klima vor. Sie besichtigten dann das kleine Hexenhäuschen neben dem Buchtgraben mit weitem Blick über Wiesen und Felder zu dem in der Ferne sichtbaren Wald.

Das Hexenhäuschen am Buchtgraben

Blick ins Land

Die Kraniche waren da und überall Natur pur. Das war Liebe auf den ersten Blick. Und wenn man hinter das Haus trat, empfanden man die Ruhe und den Frieden. Das hatten sie gesucht. Das Haus musste von Grund auf saniert werden, das stellte sich bald heraus, aber sie hatten einen Ort gefunden, wo sie die Seele baumeln lassen konnten.
Wenn sie im ersten Stock durch die riesigen Glasfenster auf die Felder, Wiesen und Wälder blickten, waren sie glücklich. War das das Paradies?

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.02.2020


 

Der Wunderring von Landin

Ringe haben für die Menschen bis heute eine magische Bedeutung. In Deutschland gab es Bronzeringe in der Frühzeit der Geschichte und später aus Gold. In den Sagen von Dietrich von Bern gibt es einen Ring, der Unsichtbares sichtbar macht und Lessing erzählt in seiner Ringparabel von einem Opalring, der die Kraft hatte, vor Gott und Menschen angenehm zu machen. Der Ring wurde in unserer Zeit immer mehr zum Symbol für Liebe und Treue und deshalb ist es üblich, bei der Hochzeit sich gegenseitig einen Ring an den Finger zu stecken. Der Ring ist ja ohne Anfang und Ende, und so sollte die Liebe auch zwischen den jung verheirateten Paaren sein. In Deutschland trägt man den Verlobungsring links und den Ehering rechts. Bei den Griechen war es aber üblich den Ehering links zu tragen. Man dachte vom linken Ringfinger führte eine Blutader direkt zum Herzen. Wenn man seinen Ehepartner verloren hat, tragen viele Menschen zwei Eheringe an dem Ringfinger der rechten oder linken Hand.

Es wird folgende Geschichte vom Dorfschulzen von Landin, Balthasar Ludwig Corbinius Grünefeld, erzählt. Der Dorfschulze Balthasar heiratete in der kleinen Klosterkapelle auf dem Rütscheberg die wunderschöne Tochter des reichen Bauern Willibald Friedrich aus Buschow. Sie hieß Susanna Veronika Friedrich und war die schönste Frau weit und breit. Der Dorfschulze von Landin war einer der reichsten Bauern in Landin. Er hatte Rinder- und Schafherden und verkaufte das Vieh und das Fleisch und die Wolle im ganzen Land. Knechte und Mägde arbeiteten für ihn im Haus, Hof, Garten und auf den Feldern. Er hatte 12 Pferde und unzählige Schweine, die er im Herbst in den Wald zur Eichelmast schickte.
Auf dem Markt in Rathenow hatte er von einem alten Trödeljuden für ein gut gefülltes Säckchen mit Goldmünzen einen überaus kostbaren Ring gekauft, der, so der Jude, aus der Schatzkammer des Königs Salomo stammen sollte und ein Wunderring sei. Den schenkte er am Hochzeitstag seiner Frau. Seitdem waren die beiden unzertrennlich. Er wurde immer neu von Liebe erfasst, wenn er sie sah. Sie gebar ihm zehn Kinder, die alle gesund und munter ins Leben gingen. Balthasar Grünefeld liebte seine Kinder, aber noch mehr die schöne Susanna. Und doch kommt es im Leben wie es kommen muss. Sei es nun die zehn Schwangerschaften oder eine Krankheit, Susanna legte sich aufs Krankenbett und wollte trotz aller ärztlicher Kunst der Mönche auf dem Rütscheberg nicht wieder genesen. Balthasar wich nicht von ihrer Seite und als sie gestorben war, konnte er sich nicht von ihrem toten Körper trennen. Es lag wie ein Bann über ihm. Er wollte und wollte dem Begräbnistermin nicht zustimmen und die Mönche vom Kloster riefen schließlich ihren Abt, der in das Haus des Dorfschulzen kam und die tote Susanna nach allen Regeln der Kunst untersuchte. Dabei fand er unter ihrer Zunge den Ring, den ihr ihr Mann am Hochzeitstag geschenkt hatte. Er nahm den Ring heraus und von Balthasar fiel es wie ein Zauber ab. Er konnte sich von seiner Susanna trennen und stimmte nun endlich der Beerdigung zu. Von dem Ring aber ist jede Spur verloren gegangen. Ob Balthasar ihn selbst nach dem Tode seiner Frau getragen hat, ist ungewiss.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.01.2020


weiter zu Teil 3  (Geschichten aus 2019)

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